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B r i e f a u s z u g
Dr. Klaus. D.

11.06.2004


Braunschweiger Zeitung
-  Chefredaktion  -
Hamburger Str. 279
38114  Braunschweig




Sehr geehrter Herr Chefredakteur Raue!
Erlauben Sie mir, ein wenig Ihrer Zeit in Anspruch zu nehmen. Mein Name ist Dr. Klaus D.. Bis zum Jahre 2003, dem Beginn meines Vorruhestandes, war ich Forschungschef eines großen, deutschen Lebensmittelkonzerns. Leider wurde ich erst vor ein paar Monaten auf die Vorgänge um den Schriftsteller Henning Pawel aufmerksam, bei denen Ihre Zeitung im Jahre 2001 eine zentrale Rolle gespielt hat.
Ich bin neben Herrn Pawel der Einzige, der den gesamten Sachverhalt, der nunmehr fast 30 Jahre zurückliegt, kennt und möchte gemeinsam mit Ihrer Redaktion eine für alle Seiten akzeptable Lösung finden. 
Henning Pawel hat schon vor geraumer Zeit auf den Wunsch von Autoren, Wissenschaftlern und anderen Menschen seines Vertrauerns jene Zusammenhänge bzw. Stasiakten zur Verfügung gestellt, deren Inhalt damals ganz bewusst unterschlagen bzw. so verdreht dargestellt wurde, dass ein völlig anderes Bild der Angelegenheit entstanden ist. Auch ich, als unmittelbar Betroffener, hatte leider viel zu spät Gelegenheit dieselben zu lesen und kann nur den Kopf schütteln über die Art und Weise, in der hier einem anständigem Menschen mitgespielt wurde. Dieser Meinung bin ich im übrigen nicht allein. Sämtliche objektiv mit der Angelegenheit befassten Menschen, darunter auch Gerstäcker-Preisträger der Stadt Braunschweig, Träger des Gustav-Heinemann-Friedenspreises, des Deutschen Jugendbuchpreises usw. sind der selben Ansicht.
Das üble Bild von Henning Pawel, das mit voller Absicht konstruiert wurde, soll und wird auf jeden Fall zurechtgerückt werden.
Leider ist bei den meisten Beteiligten der Eindruck entstanden, dass weder Henning Pawel noch diejenigen, die damals eine andere, gegenteilige Meinung äußern wollten und bei Ihrer Zeitung ums Wort baten, die geringste Chance bekamen, eine andere Sicht der Dinge darzustellen. Dafür aber bekamen jene, die offensichtlich nur den ihnen sowohl an Talent als an menschlichem Anstand weit überlegenen Schriftsteller Pawel erledigen wollten, eine Menge Raum für ihre frei erfundenen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Behauptungen. Ich weiß wovon ich rede. Schließlich wagten es diese Herren sogar, sich auf meine Angehörigen und mich, als angeblich von Pawel schwer geschädigte und verratene Opfer zu berufen, die, man höre und staune, „zu ihrem engsten Umfeld“ gehört hätten. Es sind glatte Lügen. 
Meine Flucht  im Jahre 1975 in den Westen ist die Ursache für all die furchtbaren Dinge, die Henning Pawel bis heute widerfahren sind.
Die Stasi unterstellte Henning Pawel damals, von meiner Flucht gewusst zu haben, man verdächtigte ihn sogar, Kontakte zum CIA zu unterhalten und andere Dinge mehr.
Pawel wusste tatsächlich von meinen Plänen. Er hat in größter Integrität keinerlei Gebrauch von seinen Kenntnissen gemacht. Dass er sich danach, um den existenzbedrohenden Verdacht zu unterlaufen, sehr staatstreu gab, ist ja wohl selbstverständlich.
Leider gab es bei unserer Flucht eine Reihe von Unzulänglichkeiten, auf die ich hier nicht eingehen will, die aber Henning Pawel allein auszubaden hatte. Wir waren glücklich angekommen und er musste sich seiner Haut wehren. Einer Haut, auf die es die Stasi bereits seit den sechziger Jahren abgesehen hatte. Ich lege Ihnen einige wenige der Hunderte von Seiten Stasiakten über Henning Pawel bei, damit Sie sich selbst überzeugen können, in welcher Lage sich dieser Mann über Jahrzehnte befunden hat. Ich persönlich und eine ganze Reihe anderer Freunde haben erlebt, wie er wegen seiner aufrechten und kritischen Haltung zweimal vom Gymnasium verwiesen wurde. Pawel protestierte öffentlich gegen die Gleichsetzung Ben Gurions mit Heinrich Himmler in den Massenmedien der DDR, was ihm seine erste Verhaftung eintrug. Ungeachtet dessen trat er immer wieder gegen die vor Verunglimpfung schäumende Politik der DDR gegenüber Israel auf. 1966 wurde er auch auf Grund solcher Haltungen für unbefristete Zeit von der Humboldt-Universität verwiesen. 
Nach seiner Exmatrikulation war Pawel u.a. in der Tierkörper-verwertung, dann als Kohlefahrer und Möbelträger tätig und wurde schließlich zur NVA eingezogen.
1970, inmitten eines Familienfestes, wurde er in meiner und vieler anderer Personen Gegenwart erneut von der Stasi verhaftet. Man warf ihm die Propagierung der Politik W. Brandts vor und unterstellte ihm gleichzeitig einen bewaffneten Grenzdurchbruch zu planen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits ein recht erfolgreicher Wissenschaftler, der an geheimen Forschungsprojekten der DDR tätig war, und beschloss 1975  mit meiner Familie in den Westen zu gehen. Verhängnisvoller Weise, jedenfalls für Henning Pawel, kam durch unsere Flucht auch der CIA ins Spiel. Bei meiner ersten Befragung, das war damals üblich, wurde zu meinem Erstaunen auch der Name Pawel genannt. Mein Freund war ganz offensichtlich auf Grund seiner Vita von großem Interesse. Noch interessanter war für den CIA die Frau meines Freundes, Dr. Edith Pawel. Sie arbeitete damals als Zahnärztin im Offiziersrang bei der NVA. Grund genug für den CIA, schon wenig später zu versuchen, Henning Pawel und seine Frau anzuwerben. Anfangs hielten Pawels diesen Anwerbungsversuch für ein plumpes Manöver der Stasi und lehnten natürlich als „gute Staatsbürger der DDR“ empört ab. Als aber Dinge ins Gespräch kamen, welche die Stasi einfach nicht wissen konnte, wurde es den beiden rasch klar, dass es wohl doch der CIA war. Man muss sich die Situation dieser Menschen vorstellen. Sie fühlten sich im Sinne des Wortes von allen Seiten bedrängt, verraten und verkauft. Zu allem Unglück führte Pawels Frau zu diesem Zeitpunkt auch noch einen Rechtsstreit um ihre Kinder. Ihr Exgatte, ein hoher Wirtschaftsfunktionär forderte das alleinige Erziehungsrecht. 
Dennoch, trotz all der schrecklichen Bedrückungen, hat Henning Pawel eben nicht, wie so verlogen behauptet wurde, versucht, mich im Auftrag der Stasi nach Ungarn zu locken. Ganz im Gegenteil. Er hat mich durch einen Budapester Freund, E. Shandor, auf so skurrile, wie wirkungsvolle Weise warnen lassen. Auch die Einreise der angeblichen Fluchthelfer, eine Geschichte, die bis zum heutigen Tag absolut rätselhaft ist, versuchte Pawel, natürlich hinter dem Rücken der Stasi, mehrfach zu verhindern. Trotz all seiner Ängste und Zweifel bat er einen vermeintlichen Freund, der nach Westberlin reisen konnte, eine Botschaft zu übermitteln. Der aber unterließ es. Aus Angst, wie er mir anlässlich meiner persönlichen Recherchen kürzlich mitteilte, aber wohl auch, wie ich mittlerweile weiß, weil er IM war.
Sehr geehrter Herr Chefredakteur. Es führt zu weit, Pawels gesamte traurige Vita bis zum Ende zu schildern. Fest steht nur eines, - er wurde zwar als IM Oertel geführt, aber dennoch bis zum Ende der DDR gemaßregelt, darüber hinaus beschattet und überwacht. Die Akten liegen vor, wurden aber bezeichnender Weise absolut unerwähnt gelassen. Die Stasi beklagte u.a. aktenkundig, dass er nicht bereit sei zu kooperieren, dass er das DDR - Regime immer schärfer verurteilt, dass er es ablehnt, über Schriftstellerkollegen Informationen zu liefern usw. Es wurde leider auch versäumt, die oft so durchsichtigen Behauptungen ernsthaft zu überprüfen und so wie es sich gehört hätte, die Meinung der Gegenseite konsequent und fair einzuholen. Bezeichnenderweise fand noch nicht einmal das Naheliegendste, nämlich mich als den Hauptbetroffenen, also das angeblich verratene Stasiopfer zu fragen, niemals statt.
Es ist bis heute trotz aller Bemühungen kein durch Henning Pawel Geschädigter aufzutreiben. Dafür aber eine ganze Reihe von Menschen, darunter Dissidenten, die betonen, Henning Pawel viel zu schulden. Der Briefe ehemaliger russischer Dissidenten sowie Erklärungen von Journalisten beweisen sehr eindrucksvoll, um welch einen Menschen es sich bei Pawel wirklich handelt. 

Unterschrift

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